Die Türöffner - Merkur Oberlander 2019

Die Türöffner - Merkur Oberlander 2019

2019-08-07 11:37

"Man sieht es so einer Tür ja nicht gleich an, was sie kann", lächelt Klaus Feile und deutet auf den Eingang in elegantem Grau. Mit ihrer glatten Oberfläche und den schnörkellosen Griffen ist sie schön. Gewiss. Aber für den Laien eben nur eine Tür. Doch angesichts eines Innovationsprei­ses in der Vitrine im Foyer und einer beachtlichen Anzahl internationaler Zeitschriften, in denen bunte Post-its auf die Beiträge der Fachpresse hinweisen, darf man gewiss sein, dass sie mehr zu bieten hat, als Wind, Wetter und ungebetene Gäste draußen zu halten. Beste Eigenschaften, was den Brandschutz angeht, und das eine oder andere sicherheitstechni­sche Special sind hier versteckt. Nebenan kommen die 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ein Modell zur Arbeit, das besonders resistent gegen Feuer und Rauch ist. Die schlichte Glastür mit dem handbreiten Rahmen aus hellem Holz auf dem Weg zum Treppenhaus ist ein Paradebeispiel für Brand­und Schallschutz.

Da man keine Ausstellungsräume für Mustertüren habe, könne man hier immerhin das eine oder andere Modell zeigen, so Feile. Hemdsärmelig sitzt der Moralt­Chef in einem der roten Sessel im Foyer und beschreibt sein Unternehmen. Über seiner Schult.er das Bild des Mannes, der als Synonym für das Tölzer Traditions­unternehmen gilt, das 1900 in der Isarstadt gegründet wurde und im Sommer 2016 an die Schlierach wechsel­te: August Moralt. Mit Trachtenjanker und Gamsbart auf dem Hut schaut der innovative Schreiner und Säge­werksbesitzer etwas schiefvom Bild in Schwarz-weiß. Nachfolgende Generationen hätten die Zigarre aus dem Porträt retuschieren lassen, erklärt Feile, warum man irgendwie irritiert daran hängen bleibt.

Zigarre hin, Gesichtsausdruck her. Einen Namen machte sich Moralt 1926 mit der Erfindung der Stäbchentechnologie, bei der er auf die Stabilität senkrecht angeordneter Jahresringe im Holz setzte. Die daraus hergestellt.eo Tischlerplatten waren ein hoch angesehenes Qualitätsprodukt im Möbelbau. So lange, bis es außer Mode kam, sich einen Schrank fürs Leben anzuschaffen, der selbst mehrere Umzüge unbeschadet überstehen würde. Die neuen billigen Spanplatten und Rabattschlachten der Möbelhäuser dämpften das Interesse an den hochwertigen Materi­alien und brachten die Tölzer Schreiner auf die Idee, die Tischlerplatten zu modifizieren und daraus Türen zu entwickeln.

Für 1975 vermerkt die Firmenchronik, deren Mei­lenst.eine auf schmalen Tafeln im Eingangsbereich dargestellt sind, die Erfindung des Haustürrohlings, den das Traditionsuntemehmen perfektionierte, als es 1998 gelang, das Holz durch ein kleines Metallteil, einen sogenannt.en thermisch getrennten Flacheisen­stabilisator, vor dem Verziehen zu bewahren.  "Das war die Basis für unsere Funktionstüren", erklärt Feile den Beginn der Erfolgsstory und erzählt von den turbulenten Jahren, die vorausgegangen wa­ren. Mit vier Moralt-Töcht.em hatt.e keiner ernsthaft daran gedacht, dass auch eine Frau den Betrieb über­nehmen könnte. Es folgten Teilung und Umstruktu­rierung, Phasen der Findung und Neuordnung. Ab 1979 gehörte Moralt zu Pfleiderer aus Neumarkt. Erst 2000 produzieren die Tölzer als Business-Unit des Holzwerkstoff-Spezialisten aus der Oberpfalz wieder unter ihrem Namen und stellen mit einem Standort in Güt.ersloh Stab- und Stäbchen-Tischlerplatten her. Die Geschäftsführung teilen sich der Diplom-Betriebswirt Helmut Hoffmann und Holz-Spezialist Klaus Feile, der nach Abitur und Schreinerlehre an der Fachhochschule Rosenheim Holztechnik studiert und sich in die Holzwerkstoffe einarbeitet. Als Trainee kommt er zu Pfleiderer.

Seit 2012 ist Klaus Feile Vorstand der neu gegründeten Moralt AG, nachdem er im Jahr zuvor das Türenge­schäft als Kernkompetenz aus der Insolvenzmasse ge­kauft hat. Man positioniert sich wieder klar auf dem Markt. Doch am alten Standort an der Schletzbaum­säge wird die Arbeit zunehmend schwierig. Feile ist zwar Besitzer des Betriebes, doch die Grundstücke gehören anderen. In die mehr als hundert Jahre alten Räumlichkeiten müsste ordentlich investiert werden, was Hochwasserschutz-Auflagen und fehlende Ge­nehmigungen erschweren. Für einen Neubau fehlt die Zeit. So wird das leerstehende Rotaform-Gebäude zum Glücksfall für Feile. Mit einem Bus fährt er seine Belegschaft im September 2015 nach Hausham, um sie für den neuen Standort mit seinen Perspektiven zu begeistern. Erleichtert erzählt er, dass alle 35 mit ihm gingen; einige Moralt-Mitarbeiter in dritter Genera­tion. Dazu kamen fünf neue aus der Region, die sich schnell mit dem Ort identifizierten. Alle miteinander sind sie ihm wichtig, die Helfer an den Maschinen, Holzingenieure, Industriekaufleute, CNC-Maschinisten, Mechatroniker und IT-Spezialisten, weil Qualität und Erfahrung eine große Rolle spielen, und man wissen muss, wie das Endprodukt aussehen soll. Viel habe die Mannschaft mitgetragen. Nun soll sie mit 20 Prozent der Aktien direkt am Erfolg teilhaben.

"Nicht als Incentive, sondern als echte Beteiligung", betont der Vorstand, der es als Glücksfall empfindet, „ohne branchenfremden Investor als Bremsklotz am Bein" eigenständig handeln zu können, wie es ihnen sinnvoll erscheint.

Auf dem Weg in die Hallen, die vor wenigen Tu.gen die letzten Container voller Türen für die Weltaus­stellung 2020 in Dubai verlassen haben, erzählt Klaus Feile von den Rohlingen und Lizenzsystemen für Funktionstüren als ihrem Kerngeschäft. ,,Wir sägen und hobeln nicht nur Holz, sondern veredeln es mit Know-how", fasst er die Tätigkeit zusammen, die zu einer Hälfte aus Produktion, zur anderen aus Entwicklung und Vertrieb besteht. Und aus immerwährenden Testläufen, weil das, was Menschenleben retten soll, wie etwa die Brandschutztüren, die bis zu den ersten Verschleißerscheinungen mindestens zwei Stunden in lodernden Flammen aushalten, das auch wirklich tun muss.

So sind sie ständig am Tüfteln, Bauen und Zerstören, werden von unabhängigen Prüfern auf Herz und Nieren getestet und von Spezialisten aus aller Welt besucht, wenn diese besondere Anfragen haben. Etwa jüngst die Delegation aus China, wo gerade Passiv­häuser im großen Stil gebaut werden. Der einzige Hersteller weltweit, der dafür die passenden Türen mit Brandschutz und ohne Schadstoffe - liefern kann, ist die Moralt AG. Immer wieder finden sich neue Nischen und Betätigungsfelder, neue Herausfor­derungen und Lösungen. Vom brandsicheren Imitat historischer Türen mit Sprossen und runden Ober­lichten für Schloss Schönbrunn in Wien, über stylishe Systeme im Casino von Macao, dem VIP-Bereich des British Film Institute in London oder in Luxushotels wie dem Kempinski „The Wave" in Muscat oder Bul­garis „The World" auf einer in Seepferdchen-Form angelegten Insel in Dubai, wo man optisch nicht wirklich auf klassische Brandschutztüren aus Stahl steht, selbst wenn diese in Holzdekor laminiert sind.

Moralt-Kunden können in Hausham palettenweise vorproduzierte Rohlinge ordern oder ein Rundum­Sorglos-Paket mit allem notwendigen Zubehör kau­fen. Und sie können sich Hilfe vom Fachmann holen, wie jüngst, als Feiles Entwicklungsleiter in Dubai die Handwerker vor Ort direkt am Bau anleitete.

MoraltAG 
Obere Tiefenbachstraße 1 
83734 Hausham 
www.moralt-ag.de

Zurück

Download Download